»Serbiens Regierung ist eine NATO-Marionette«

Internationale Demonstration in Belgrad am zehnten Jahrestag des Kriegsbeginns.
Gespräch mit Boris Bratina

Interview: Cathrin Schütz, Belgrad

Aus: Junge Welt vom 3. März 2009

Boris Bratina ist Vorsitzender der Organisation Narodni pokret Srbije. Er lehrt Philosophie an der Universität Pristina, die vorübergehend nach Kosovska Mitrovica im serbischen Teil des Kosovo ausgelagert wurde. Homepage der Organisatoren: http://1999-2009.info/ 

Am 24. März jährt sich der NATO-Überfall auf die Bundesrepublik Jugoslawien zum zehnten Mal. Wie wird der Tag in Serbien begangen werden?

Unsere Organisation Narodni pokret Srbije bereitet derzeit zusammen mit der patriotischen Jugendorganisation 1389 und der dem Erbe unseres ehemaligen Präsidenten Slobodan Milosevic verbundenen Organisation Sloboda eine Großkundgebung in Belgrad vor. Unterstützt werden wir von verschiedenen patriotischen Verbänden und Veteranenorganisationen. Auch zahlreiche angesehene Persönlichkeiten haben sich hinter uns gestellt, darunter Generäle und Intellektuelle sowie der ehemalige jugoslawische Premierminister Momir Bulatovic, der frühere Außenminister der Republika Srpska (der serbischen Republik in Bosnien, d.A.), Aleksa Buha, der Sprecher des Exilparlaments der Republika Srpska Krajina (der serbischen Republik Krajina in Kroatien), Rajko Lesaic, und Marko Jaksic, einer der Führer der Kosovo-Serben.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Kundgebung?

Die serbische Regierung wird genau wie die Medien und das gesamte öffentliche Leben vom Westen kontrolliert. In dieser Situation halten wir es für essentiell, diesen Tag zu nutzen, um der Stimme der breiten Masse Gehör zu verschaffen, die gegen die NATO und für soziale Gerechtigkeit und die Souveränität unseres Landes eintritt. Unsere Regierung ist eine NATO-Marionette. Ihre Rolle besteht nur darin, den Interessen der NATO zu dienen. Damit vertritt sie nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Doch viele Menschen hier haben Angst oder sind demoralisiert, sie haben die Zeit der schlimmen Sanktionen und der Bombardierung in Erinnerung und werden von den NATO- und EU-Staaten täglich weiter erpreßt. Mit der Demonstration am 24. März und der Erinnerung an den NATO-Angriff hoffen wir, die Menschen zu ermutigen, aufzustehen und sich offen gegen die NATO und gegen den anglo-amerikanischen Imperialismus zu stellen. Es ist an der Zeit, für unsere Freiheit zu kämpfen. Besonders freuen wir uns auch über die große internationale Solidarität, die sich für diesen Tag angekündigt hat.

Kann man aus Ihren Schilderungen über die Situation in Serbien schließen, daß Sie die Demonstration in einem Ihnen gegenüber gänzlich feindlichen Umfeld organisieren müssen?

Das Regime ist sich der Stimmung der Massen bewußt und wird daher die Demonstration nicht verbieten. Aber man hat dafür gesorgt, daß uns keine staatliche Stellen, keine Parteien, auch nicht jene in der Opposition, unterstützen. In Anbetracht der Bedeutung dieses Tages haben wir anfänglich alle staatlichen Institutionen und Parteien sowie viele private Konzerne förmlich von unseren Plänen in Kenntnis gesetzt und je nach Adressat um moralische oder materielle Unterstützung ersucht. Doch die Haltung unserer Regierung und ihrer ausländischen Gebieter hat dazu geführt, daß keiner den Mut aufbringt, uns zu unterstützen. Folglich mangelt es uns derzeit an den finanziellen Mitteln selbst für die Plakate – daß die Medien uns kein Gehör verschaffen, muß ich wohl nicht erwähnen – und vor allem auch für die Busse, um die vorwiegend sehr arme Landbevölkerung nach Belgrad bringen zu können.

Drohen die Proteste am Jahrestag des NATO-Kriegsbeginns also zu scheitern?

Die Demonstration wird um jeden Preis stattfinden! Wir legen viel Hoffnung in die Signalwirkung dieser Aktion. Es geht uns nicht nur darum, unser Volk wachzurütteln. Wir haben auch die Hoffnung, daß der Ausdruck unserer politischen Position helfen kann, daß das geläufige, von der NATO gezeichnete Bild vom kriminellen Serben eine Korrektur erfährt. Serbien ist einer der ersten großen Opfer und Gegner der gegenwärtigen Globalisierung. Wir sind die Opfer des Imperialismus, des NATO-Krieges, der Sanktionen, und wir sind Teil des internationalen Kampfes, der sich dem entgegenstellt. Die westlichen Interessen, die das politische Leben in Serbien bestimmen, sehen in der jetzigen Lage die größte Gefahr in einem Wiederaufleben des Widerstandes von 1999. Und wir sind froh, daß wir an diesem Tag zeigen können, daß es sogar hier möglich ist, aufzustehen und sich zu widersetzen. Wir wollen den Menschen zeigen, daß das wahre Serbien nicht isoliert ist, sondern die Möglichkeit hat, Teil der wachsenden Familie von Ländern wie Rußland und China bis zu Venezuela und Bolivien zu sein, die für eine gerechte Welt stehen. Wir müssen die Wände unseres Gefängnisses einreißen.

Aus aktuellem Anlaß werden in Deutschland kurzfristig Spenden für die Organisatoren in Belgrad gesammelt: VKSB (Verein für Kulturelle Selbstbestimmung e.V.), Sparkasse Starkenburg, Konto 23290, BLZ 509 514 69, Kennwort: Demo Belgrad. Informationen über Reisemöglichkeiten zur Demonstration in Belgrad am 24. März und dem Programm vor Ort per E-Mail an AK_Jugo@gmx.de

 

URL: http://www.jungewelt.de/2009/03-03/017.php

Aktualisiert am 19. März 2009